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Pressebericht Eike Kellermann

Mit den Frauen ist besser Schlittenfahren
Erschienen im Ressort Thüringen am 15.11.2007 00:00

Warum die Thüringer so begeistert auf das Rodeln abfahren aus Tradition und weil hier die Wiege dieser Sportart stand Mit den Frauen ist besser Schlittenfahren Bahnwart Wilko Jäger am Start der Ilmenauer Rodelbahn: Das ist eine Sportart, wo man erstmal schubsen muss. Aber wer Blut geleckt hat, kommt nicht mehr los.

Die Nase von Anschieber Thomas überstand bereits das Training nicht. Der ehemalige Biathlet legte sich vor zwei Jahren beim Hörnerschlittenrennen in Garmisch-Partenkirchen derart ins Zeug, dass ihm eine Kipfe des Schlittens mitten ins Gesicht fuhr. Im Ziel diagnostizierte er: Nasenbeinbruch. Aber Thüringer sind hart im Nehmen.
Mit einem kräftigen Ruck renkte er die Sache selbst wieder ein. Nur seiner Frau sollten wir Kameraden vom Team Volkssport Trusetal’ besser nichts erzählen. Sonst könnte es Ärger geben.

So oft Teamchef Ralf Messerschmidt die Geschichte schon zum Besten gegeben haben mag: Ein wenig staunt er selbst noch immer über die Verwegenheit seiner Truppe. Mit Hörnerschlitten wurden in den Alpen und in den Mittelgebirgen traditionell Holz und Heu ins Tal transportiert.

Nun sind sie auf dem besten Weg zur Gaudi-Sportart. Und überall, wo es rutschig wird, sind Thüringer mit Vorliebe dabei ob mit dem Hörnerschlitten, einem Hochleistungs-Rennrodel, bäuchlings beim Skeleton oder mit dem einfachen Ding, das der Volksmund zumindest nördlich des Rennsteigs Käsehitsche nennt.
Höchst angenehm ist für die Jugend das Schlittenfahren überhaupt, aber ganz besonders von einer Anhöhe herab,bemerkte schon vor mehr als 200 Jahren Johann Christoph Friedrich GutsMuths, der Namensgeber des Rennsteiglaufs.

Mit Spezial-Kufen Jan Knapp vom Wintersportmuseum: Der Rennschlittensport wurde nicht in den Alpen, sondern in den Mittelgebirgen erfunden. Das ist alles gar nicht ohne, gibt Ralf Messerschmidts Mutter Christina zu bedenken und denkt an die Spitzengeschwindigkeit von 95 Stundenkilometern. Doch ihr Sohn, der in der Familien-Tischlerei in Trusetal mitarbeitet, werkelt bereits an der nächsten Modellgeneration seines Hörnerschlittens.
So sollen Spezial-Kufen bei ihrem fünften Start in Garmisch-Partenkirchen zum Einsatz kommen, gut geschliffen,damit der Bolide nicht wieder die Bande rasiert. Wie üblich verwendet er Esche für die Böcke, das Sitzbrett, die Holme und die beiden Kipfe zum Abschieben, mit denen Teamkamerad Thomas so unangenehmen Kontakt hatte.
Spätestens kurz vor dem Dreikönigstag am 6. Januar, dem nächsten Termin der Alpen-Gaudi, muss der Schlitten fertig sein. Gibt es in diesem Jahr endlich wieder ausreichend Schnee, dann könnte er bei Rennen in Brotterode, Seligenthal und Kleinschmalkalden eingesetzt werde.
Erfolgreiche Teams gibt es längst auch im Flachland, etwa in Leipzig oder in Schmölln. Die
anspruchsvollste Strecke, sagt Ralf Messerschmidt, ist die in Oberwiesenthal.
Da ist der Start direkt auf dem Fichtelberg, wo eigentlich immer Schnee liegt. Für mich steht sie sportlich an erster Stelle.
Wo der Tischlermeister im Wettstreit mit den deutschen Hörnerschlitten-Athleten hin will, nämlich noch näher an die Spitze, da ist Dieter Fischer bereits. Sein Unternehmen KHW in Geschwenda bei Ilmenau sieht sich selbst als weltweiter Marktführer bei der Produktion von Rodeln aus Kunststoff. 430 000 Stück wurden im vergangenen Jahr produziert. Mit einem Exportanteil von 65 Prozent, ständig bemüht um Innovationen und verfolgt von Produktpiraten zieht das Unternehmen seine Spur, in die es erst 1994 gegangen ist. Hat der Erfolg etwas mit einer besonderen Affinität der Thüringer für das Rodeln zu tun?
Das ist ein fruchtbarer Boden hier, lobt Fischer. Schließlich sind wir eine Hochburg des Wintersports, da passt das Umfeld einfach für unseren Betrieb.
Zum Umfeld gehört etwa Rodel-Olympiasieger Hans Rinn, der für KHW die Prototypen baut und testet.Er hat im nahen Ilmenau seine Firma. Hier fädelt sich am Stadtrand die 460 Meter lange
Rennschlittenbahn Wolfram Fiedler entlang. Die Glasfieber-Bahn brettert Rinn noch immer nicht eben
langsamer als seine Nachfolger hinunter. Voller Respekt spricht Bahnwart Wilko Jäger von dem früheren Leistungssportler, der ihm ohne viel Aufhebens auch mal Tipps für seine Schlitten gibt.
Die Ilmenauer Bahn kann mit Rodeln auf Rädern ganzjährig befahren werden. Vor allem im Sommer
trainieren hier Thüringer Spitzenrodler, die nach Experten-Schätzung inzwischen mehr als 100 Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen eingesammelt haben. Vom Gästestart fahren in Ilmenau Schulklassen, Studenten oder Touristen. Für die Ängstlichen hat Jäger den Weicheistart in Kurve 5 kreiert. Er weiß aus langjähriger Beobachtung: Das ist eine Sportart, wo man erstmal schubsen muss. Aber wer Blut geleckt hat, kommt nicht mehr los.

Ein Adrenalin-Schub
Die ängstliche MDR-Reporterin etwa, die hier am Jahresanfang die Sendung Unterwegs in Thüringen
drehte, konnte am Ende gar nicht genug von dem Adrenalin-Schub bei 30 Stundenkilometern bekommen.
So flach auf dem Schlitten ist das gefühlt fast doppelt so schnell, sagt der Bahnwart. Er hat noch eine
bemerkenswerte Beobachtung bei den Amateur-Rasern gemacht. Frauen können das meist besser als Männer. Die liegen einfach auf dem Schlitten, schließen die Augen und machen gar nichts.
Der Schlitten bleibt von allein in der Bahn. Männer dagegen wollen lenken und das geht meistens schief. Mit Frauen ist demnach gut Schlittenfahren. Das ist in Thüringen ganz einfach eine Tradition, meint Bahnwart Jäger über das ungebrochene Interesse. Eine Tradition, die 1913 mit der ersten deutschen Meisterschaft im Rennrodeln in Ilmenau begann.
Daneben gelten Oberhof und Friedrichroda als Wiege des Rennschlittensports. Der wurde nicht etwa in den Alpen erfunden, sondern in den Mittelgebirgen, sagt Jan Knapp, Leiter des Thüringer
Wintersportmuseums in Oberhof. Die kommende Rennrodel-WM, die mittlerweile dritte auf der 1971 eingeweihten Oberhofer Kunsteisbahn, begleitet sein Museum mit einer Ausstellung zur Kulturgeschichte des Schlittens.
Der Schlitten gilt als das älteste Transportmittel der Welt. Auf seinen Ur-Formen wurden
etwa beim Pyramidenbau Steinquader über den ägyptischen Sand gezogen. Kein Wunder, dass
KHW-Chef Fischer auch schon mit Sand-Rodeln experimentiert hat. Doch hier musste selbst sein
innovationsfreudiges Unternehmen, das etwa zu Stefan Raabs Wok-WM den Schnee-Wok für den
Alltagsgebrauch entwickelt hat, kapitulieren. Das richtige war es nicht. Außerdem gäbe es nicht genügend Kunden, sagt Fischer. Jetzt will er wenigstens einige seiner Produkte wie Snow Tiger oder Snow Rocket nach Dubai liefern, weil das Wüstenemirat gerade eine Eishalle mit Schneehang baut.
In Thüringen hofft man, dass Kälte und Schnee weiter auf natürliche Art die Grundlage für Sport und
Tourismus bilden. Das Umfeld stimmt. Verkehrsminister Andreas Trautvetter, der als Andi T. mit dem Rennsteig-Lied die Hitparade stürmte, ist Präsident des Thüringer Schlitten- und Bobsportverbands. Der offiziellen WM-Song stammt von einer jungen Band aus Oberhof, die wiederum selbst Rennrodler an den Instrumenten hat. Thüringen ist tatsächlich rodelverrückter als andere Bundesländer, meint der Organisations-Chef der WM, Bernd Rossmann.
Nun will er aus dem Rodeln eine so bekannte Sportart machen, wie es das Biathlon bereits ist.
Sein Versprechen: Das wird eine WM, wie wir sie noch nie hatten.

Quelle
Von Redaktionsmitglied Eike Kellermann

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