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Ein Virus breitet sich rasant aus

Ein Virus breitet sich rasant aus

Rund 15 Besatzungen in Südthüringen / Wettkämpfe locken Zuschauer in Scharen
Von Rainer Koch

Seligenthal/Brotterode/Trusetal/Kleinschmalkalden – Manch ein zufällig des Wegs Kommender mag sich verwundert die Augen

Bereichert das Sportgeschehen in Südthüringen und hat längst seine Anhänger gefunden: Hornschlittenrennen.

reiben. Trubel am steilen Hang. Alt und jung tummelt sich fröhlich gut vermummt. Partymusik schallt herüber, unterbrochen von seltsamen Ansagen: „Wo nur bleiben die Seimbergrutscher?“, „Am Start jetzt die Holzwürmer. Und ab geht die Fuhre!“. Dampf steigt auf, Bratwurst- und Glühweinduft machen neugierig.

Start? Offensichtlich geht hier irgendein ein Sportereignis vonstatten. Da schält sich auch schon ein Gefährt aus dem Nebel. Ein Mann mit Helm ist zu erkennen, ein Holzscheit fest in der Hand, die Füße bedarfsweise im hochauf stiebenden Schnee, flankiert von zwei – man könnte Hörner aus Holz dazu sagen. Hinter dem Ersten sitzen noch zwei, ganz hinten auf den verlängerten Kufen steht ein Vierter, legt sich waghalsig in die letzte Kurve. Und schon rauscht der Inselbergexpress durch die gedachte Linie der elektronischen Zeitnahme.

Solches war zu erleben an den letzten Wochenenden in Kleinschmalkalden und Brotterode. Erstmals in Trusetal, nur die Seligenthäler hatten wieder einmal Pech. Das sind in Thüringen die vier Hauptorte dieses Sports: Hornschlittenrennen. Die diesjährige beständig schneereiche und oft kalte Witterung machte es möglich, dass nicht nur die weitläufig bekannten Wintersport-Sparten Hochkonkunktur hatten, sondern nach den zwei ausgefallenen Wintern 2007 und 2008 auch die Exoten, etwa die Hornschlittensportler, wieder voll auf ihre Kosten kamen. An den Südwesthängen des Thüringer Waldes ist es längst ausgebrochen, das Hörnerschlittenfieber. Wie in Bayern, wo jährlich am Dreikönigstag, dem 6. Januar, in Garmisch-Partenkirchen zur offenen bayerischen Meisterschaft meist über 100 Schlitten gen Tal sausen.

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Anfänge in Seligenthal

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Die ersten Hornschlitten-Viren in der Region streute der Seligenthäler Kirmesverein. Immer auf der Suche nach spaßigen Events kam er 1999, 2000 auf die Idee, ein Rennen zu veranstalten, wie es einem das Fernsehen aus Bayern in der Faschingszeit vorsetzte. Mit Gaudischlitten. Sofas sausten da alsbald in Seligenthal hinab, Badewannen, eine Lok und sogar ein Trabbi auf Kufen. Der Erfolg war so unerwartet wie ungeheuer. Hunderte, ja einmal sogar 2000 Zuschauer säumten die Strecke. Gegründet wurde der „1. Thüringer Hörnerschlittenverein Seligenthal“.

Doch „echte“ Hörnerschlitten brachten erst Männer aus Schmölln im Jahr 2003 herbei. Solche, wie sie früher die Bergbauern zum Transport von Heu und Holz von der Alm ins Tal benutzten. Schlitten „Werdenfelser Bauart“, die strengen Kriterien unterliegen, damit die Bedingungen für alle annähernd gleich sind. In der Rennsteigregion baute als erster Tischlermeister Ralf Messerschmidt einen solchen Schlitten und fuhr mit seiner Crew 2004 erstmals in Garmisch-Partenkirchen mit: Platz 54, respektabel. Sein Schlitten „Volkssport Trusetal“ ist heute der Erfolgreichste in Thüringen, drang am 6. Januar 2009 in Garmisch gar als Dritter in die Phalanx der Bayern ein. Eine Majestätsbeleidigung!

Angesteckt aber wurden schon Mitte des Jahrzehnts weitere Trusetaler, dann die Kleinschmalkalder, schließlich Brotteröder, Männer aus Winterstein. In diesem Jahr verbreitete sich das Virus weiter, bis nach Fambach. Mittlerweile dürften es um die 15 Besatzungen sein, die sich mit Rennen im „Ausland“ nicht mehr zufrieden geben. Ab 2005 fanden solche auch hierzulande statt. Mit Strecken von 1000 bis 1700 Metern Länge, bei 150, 170 Meter Höhenunterschied.

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Geschwindigkeiten bis zu 70 km/h

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Die am Schartekopf in Kleinschmalkalden ist die spektakulärste, von den Schlittenfahrern im WSV Kleinschmalkalden am aufwändigsten ausgebaute. Dort saust man in der Spitze mit über 70 km/h zum Ziel! Für die Vierer-Besatzungen, vorn der Lenker und Bremser, ganz hinten der Anschieber, in der Mitte die zwei Helfer, ist das Ganze ein echter Sport voller Kameradschaftsgeist. Mutige Kerle müssen es sein, die sich auf die Schltten setzen, möglichst gut Trainierte. Blessuren aller möglichen Art müssen in Kauf genommen werden, alles ist möglich bei rasender Fahrt auf vereister Bahn. Hörnerschlittenrennen ist für die Zuschauer, die weiterhin zu Hunderten angelockt werden, eine sportliche Attraktion: Zu erschaudern, wenn der Schlitten in der Kurve kippt, die Männer sich schnell wieder finden, aufsitzen, weiterrasen. Von oben bis unten mit Schnee bespritzt zu werden. Anfeuern die Kerle, die flotten!

Mut und Körperbeherrschung, kalkuliertes Risiko ohne Angst, Platz auf dem Podest oder Ausscheiden bei allzu viel Wagnis; Sport, Attraktion und Party im Schnee – all das ist Hörnerschlittensport, von dem es in der Schweiz, in Italien gar Europapokalläufe gibt.

Vor einer Woche war die Thüringer Hornschlittengilde beim Abschlussrennen in Oberwiesenthal. Die Strecke den Fichtelberg hinab gilt als anspruchsvollste Deutschlands. 13 Schlitten der hiesigen Region gingen an den Start. Und sie fuhren unter den 50 Teilnehmern allesamt auf Plätze unter den ersten 20, die erst 2008 gegründeten Snowfighter aus Brotterode um Ralf Baumhämmel, vor einer Woche beim Wasserfallpokal in Trusetal-Laudenbach noch so gestürzt, dass ihr Schlitten zerbarst, fuhren mit ihrem eilends repariertem Boliden auf Rang zwei, Volkssport Trusetal kippte um, wurde aber immer noch Vierter.

Das Virus ist nicht aufzuhalten. Er ist unterwegs. Ungebremst.

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